Das Projekt SeXtalks 2.0

Je mehr Wissen Heranwachsende zur Verfügung haben, umso besser können sie Gefahren einschätzen und Risiken vermeiden.

Das Projekt

Entwickelt und durchgeführt wird der Workshop, im Auftrag der Abteilung Jugendpolitik des Bundeskanzleramtes, vom erfahrenen Psychologenteam Mag.a Elke Prochazka und Mag. Alexander Pummer.

Beide bringen eine langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Bereich der Themen Sexualität und Medien mit. Durch ihre langjährige Tätigkeit bei der österreichweiten Notrufnummer 147 Rat auf Draht und bei Saferinternet.at, wissen sie genau, was die Probleme der Heranwachsenden sind und wie man ihnen vor allem präventiv begegnen kann. Sensibel gehen sie im Workshop mit dem sehr persönlichen Thema Sexualität um und schaffen dadurch eine vertrauensvolle Umgebung, in der auch dieses intime Thema besprochen werden kann.

Kooperationspartner

147 Rat auf Draht
Die Notrufnummer für Kinder, Jugendliche und alle deren Bezugspersonen ist eine wichtige Anlaufstelle bei Problemen, Fragen und in Krisensituationen. 147 Rat auf Draht ist ohne Vorwahl aus ganz Österreich rund um die Uhr, zum Nulltarif und anonym erreichbar. Schriftliche Beratung ist über Chat und Online Beratung unter www.rataufdraht.at möglich.

Saferinternet.at
Die EU-Initiative Saferinternet.at unterstützt bei der sicheren Nutzung von Internet, Handy & Co. durch die Förderung von Medienkompetenz. Saferinternet.at wendet sich österreichweit vor allem an Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrende.

Das Team

Mag.a Elke Prochazka

Klinische- und Gesundheitspsychologin, Lerntherapeutin, Interdisziplinäre Adipositastrainerin, Zertifizierte Saferinternet.at-Trainerin und Mitautorin des Elternratgebers „Wenn Sex zum Thema wird“

» elke.prochazka@sextalks.at

Mag. Alexander Pummer

Psychologe und Lerntherapeut, Projektkoordinator der österreichischen Helpline für Saferinternet.at im europaweiten INSAFE Netzwerk im Bereich Risiken der digitalen Medien und zertifizierter Saferinternet.at-Trainer

» alex.pummer@sextalks.at

Wissenschaftlicher Hintergrund

Das Projekt beruht auf fundierten wissenschaftlichen Grundlagen:

Spätestens ab dem Jugendalter, etwa ab dem 10. Lebensjahr, sind mediale Informationen zu Sexualität und Liebe für Jugendliche interessant. Völlig entwicklungsgemäß möchten sie wissen, wie Sexualität funktioniert. Einige suchen aktiv nach Informationen und Inhalten, bei anderen wird das Interesse durch die Weitergabe derartiger Inhalte in der Peergruppe geweckt. Gerade zu den Themen Liebe und Sexualität ist das Internet für Kinder und Jugendliche eine wertvolle Quelle, können sie doch völlig individuell, ganz ohne „Peinlichkeitsfaktor“ nach Antworten auf ihre Fragen suchen.

Die sexuelle Reifung und Entwicklung der Heranwachsenden findet dadurch heute unter gänzlich anderen Bedingungen und Möglichkeiten statt, als noch vor einigen Jahren. Das bringt viele neue Chancen, aber natürlich auch Risiken mit sich.

Das Internet ist eine hilfreiche Quelle
Richtig verwendet, bietet das Internet viele wertvolle Informationsseiten speziell für Kinder und Jugendliche. Doch durch die erleichterte, kostenfreie und barrierefreie Verfügbarkeit von sexualisierten Netzinhalten besteht auch das Risiko, dass Kinder und Jugendliche ungewollten Einflüssen bzw. Situationen ausgesetzt werden, die auf sie verstörend und überfordernd wirken. Umso wichtiger ist es, dass sie einen vertrauensvollen und sicheren Umgang mit dem Internet als Informationsquelle zu Liebe und Sexualität erlernen.

Internet als Aufklärungsquelle
Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Deutschland von 2015 an 14- bis 17 Jährigen zeigt, dass vor allem bei Burschen mittlerweile kein Weg mehr am Internet vorbei führt, wenn es um Informationen zum Thema Sexualität geht. 50% der Burschen und 39% der Mädchen geben an, ihre Kenntnisse über Sexualität, Fortpflanzung und Empfängnisverhütung aus dem Internet zu haben. Bei den Burschen steht das Internet damit an erster Stelle, bei den Mädchen an zweiter Stelle. Die Top 3 Informationsquellen im Internet sind bei Burschen Sexfilme, Online-Lexika und Internetforen, bei den Mädchen sind es Internetforen, Aufklärungsseiten und Online-Lexika.1

Wenn es darum geht, woher Jugendliche gerne weitere Informationen zum Thema hätten, steht das Internet generell an erster Stelle.

Pornografie
Österreichische Kinder und Jugendliche sind im europäischen Vergleich der EU Kids Online Studie2 häufiger durch die leichtere Verfügbarkeit von pornografischen Darstellungen betroffen. 28% (im Vergleich zu 10% in Deutschland) haben in den letzten 12 Monaten in den Medien Bilder mit sexuellen bzw. pornografischen Inhalten gesehen. Von 30% der Betroffenen wurde das als unangenehm empfunden.

Eine Studie des Instituts für Sexualpädagogik3 hat festgestellt, dass 50% der Burschen und 10% der Mädchen ihr sexuelles Wissen aus Pornofilmen beziehen. Mehr als 50% der Burschen und immerhin 10% der Mädchen erachten pornografische Darstellungen als ernstzunehmende Informationsquelle. Aus Österreich gibt es dazu noch keine aktuellere Studie. Befragungen aus Deutschland zeigen, dass der Anteil der Mädchen etwas angestiegen sein dürfte (16%), wohingegen die Burschen nach wie vor bei etwa 50 % liegen.

Das ist vor allem deshalb problematisch, da Pornofilme nur sehr wenig mit real gelebter Sexualität zu tun haben. Es werden Fantasien nach einem Drehbuch, von DarstellerInnen, unter Zuhilfenahme von kameratechnischen Tricks abgebildet. Das ist in unserer erwachsenen Welt bekannt, allerdings fehlen Jugendlichen oft derartige Informationen. Sie können dann die konsumierten pornografischen Inhalte nicht richtig einordnen. Da viele Jugendliche derartige Clips sehen, verfestigen sich falsche Informationen häufig durch ihre Bestätigung in der Peergruppe.

Selbst wer nicht bewusst danach sucht, kann sehr leicht mit Pornografie konfrontiert werden. Dafür sorgen etwa Spam, Emails, Links, Werbebanner oder auch Angebote, die im ersten Moment gar keinen sexuellen Bezug haben.

Erste Studien, wie etwa die Interview-Studie „Jugendsexualität im Internetzeitalter“ rund um Silja Matthiesen4, führten zu dem Ergebnis, dass das Konsumieren von pornografischen Inhalten im Jugendalter meist keine negativen Auswirkungen hat. Der Konsum führt nicht zu einer Sucht, nicht zu einer Verrohung oder einer Unfähigkeit zu langfristigen und stabilen Partnerschaften.  Internet-Pornografie scheint viel mehr frühere Masturbationsvorlagen abzulösen.

Aktuellere Studien zeigen durchaus negative Effekte. So zeigen Martellozzo, E. et al.5 auf, dass das wiederholte Ansehen von Online-Pornografie zu einer Desensibilisierung unter Jugendlichen führe. Sie empfinden sie als weniger negativ bzw. abstoßend. Deutlich wird in dieser Befragung, dass sich Jugendliche eine Aufklärung über Pornos wünschen. Die Studie zeigt darüber hinaus, dass 42 % der 12-16 Jährigen das Gesehene selbst nachmachen möchten. 53 % der Burschen und 39 % der Mädchen halten die Darstellungen auch für realistisch.

Zudem scheint auch das Alter des Erstkontaktes mit pornografischen Inhalten einen Einfluss auf maskuline Normen zu haben. Je jünger die StudienteilnehmerInnen beim Erstkontakt waren, umso eher wollten sie als Mann Macht über Frauen ausüben. Dabei hatte die Art des Erstkontaktes, also ob selbst aktiv nach einem Porno gesucht wurde oder man per Zufall darauf gestoßen ist, keine Auswirkung6.

Definitiv ist bei Jugendlichen ein Druck zu spüren, all das Gesehene auch im Sinne einer erwachsenen Sexualität selbst ausführen zu „müssen“. Das kann durch eine wirklichkeitsgenerierende Wirkung pornografischer Inhalte bei fehlender eigener Erfahrung erklärt werden. ExpertInnen sind sich einig, dass Verbote nicht zielführend und auch unrealistisch sind. Viel eher geht es darum, Jugendlichen ein Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen, mit dem sie pornografische Inhalte selbst interpretieren können.

Das Projekt SeXtalks 2.0 orientiert sich bei der Vermittlung einer Porno-Kompetenz am 3 Ebenen x 5 Komponenten-Modell der Pornografie-Kompetenz von Nicola Döring7.

Sexting (das Verschicken von freizügigen Fotos oder Videos von einem Selbst)
Das eigenmächtige Veröffentlichen von selbst erstellten, freizügigen Fotos kann Teil einer selbstbestimmten Sexualität von Jugendlichen sein. Eine österreichische Studie von Saferinternet.at zeigt, dass 33% der Jugendlichen Nacktbilder geschickt bekommen haben. 16% haben von sich Nacktaufnahmen gemacht, und diese wurden mehrheitlich auch weitergeschickt8.

Sexting ist nicht per se als riskantes Verhalten anzusehen, sondern als ein Teil einer selbstbestimmten Sexualität. Wichtig ist, Jugendliche über rechtliche Rahmenbedingungen im Bereich des §207a pornografische Darstellungen Minderjähriger aufzuklären und vor allem diejenigen anzusprechen, die im Vertrauen ausgetauschte Inhalte weiterleiten.

Wie kann man Jugendliche schützen?
Weder ein generelles Internetverbot, noch Filterprogramme sind zielführend, um Jugendliche zu schützen. Gerade generelle Verbote können Gefahren sogar zusätzlich verstärken, da die Heranwachsenden dann häufig heimlich im Internet surfen, völlig außerhalb der Kontrolle von Bezugspersonen. Es ist demnach unerlässlich, dass Jugendliche einen sicheren Umgang mit dem Internet als Aufklärungsquelle erlernen.

Genau hier setzt der Workshop SeXtalks 2.0 an. Jugendliche werden über Risiken aufgeklärt und für eine risikoarme Nutzung der digitalen Medien im Bereich Liebe und Sexualität sensibilisiert.

Quellennachweis

1 Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2016). Jugendsexualität 2015 [Online im Internet]. » Link [19.12.2017]

 

2 Quelle: Forschungsverbund EU Kids Online. (2011). Risiken & Sicherheit im Internet. » Link [19.12.2017]

 

3 Quelle: Kostenwein, W. (2009). Neue Herausforderungen in der sexualpädagogischen Arbeit. [Online im Internet].  » Link [19.12.2017].

 

4 Quelle: Silja Matthiesen, S.; Aude, A.; Mainka, J.; Martyniuk, U.; Schmidt, G. und Wermann, A. (2013). Jugendsexualität im Internetzeitalter. Eine qualitative Studie zu sozialen und sexuellen Beziehungen von Jugendlichen. [Online im Internet]. » Link [19.12.17].

 

5 Quelle: Martellozzo, E. et al. (2016). „…I wasn’t sure it was normal to watch it…“ [Online im Internet]. » Link [19.12.17].

 

6 Quelle: Bischmann, A. et al. (2017). „Age and Experience of First Exposure to Pornography: Relations to maskuline norms“ [Online im Internet]. » Link [31.10.17].

 

7 Quelle: Döring, N. (2011). Pornografie-Kompetenz: Definition und Förderung. Zeitschrift für Sexualforschung, 24 (3), 228-255.

 

8 Quelle: ÖIAT (2015). Sexting in der Lebenswelt von Jugendlichen. [Online im Internet]. » Link [19.12.17].